Die Psychoanalytische Selbstpsychologie
Mit der Entwicklung der Selbstpsychologie (Heinz Kohut) hat
die Psychoanalyse in Theorie und Praxis eine entscheidende Veränderung
erfahren.
Das Selbst wird als komplexe Organisation von
Beziehungserfahrungen,-Erwartungen und Bedürfnissen verstanden.
Diese Organisationsmuster bilden sich in der frühen Eltern-Kind-Interaktion
heraus und prägen das Erleben der/des PatienIn. Das Selbst
zeigt sich in der therapeutischen Beziehung und braucht eine
wohlwollend-empathische Atmosphäre, um sich zu entfalten
und weiter zu entwickeln.
Die empathisch-introspektive Untersuchungsmethode ist
ein wesentliches Prinzip der Selbstpsychologie. Empathie dient
dem umfassenden und tief greifenden Verstehen des subjektiven
Erlebens des/der PatientIn. Gleichzeitig wirkt Empathie selbst
auch heilend – nämlich durch die Erfahrung, verstanden zu
werden.
Dem Selbsterleben des Patienten/der Patientin
gilt besondere Aufmerksamkeit in der psychoanalytischen Behandlung.
Dazu gehört das Einschätzen der Intentionen und motivierenden
Kräfte des/der PatientIn, die Wahrnehmung der Veränderungen
des Selbstempfindens sowie die Markierung von Fluktuationen im
therapeutischen Prozess. Die Übertragung enthält aus
selbstpsychologischer Perspektive eine starke Entwicklungsdimension
(„Selbstobjektübertragung“).
Heilung und Veränderung entsteht durch neue Erfahrungen
in der therapeutischen Interaktion. Das analytische
Gespräch bildet den Rahmen für die Entfaltung eines
intersubjektiven Raumes, in dem neue Interaktionserfahrungen
gemacht werden können. Die Geschichte und biografischen
Ereignisse sind insofern wichtig, als sie helfen, das gegenwärtige
Erleben besser zu verstehen.
Die moderne Säuglingsforschung (Daniel Stern) und die neurobiologische
Forschung (Spiegelneuronen) bilden die empirische Grundlage für
die Selbstpsychologie und bestätigen die klinische Arbeit.
In den letzten Jahrzehnten haben sich weitere Entwicklungslinien
der Psychoanalyse herauskristallisiert, die wesentlich auf die
Selbstpsychologie zurückgehen. Dies sind die intersubjektive
Psychoanalyse und die relationale Psychoanalyse.