Zur Sichtweise der psychoanalytischen Selbstpsychologie
In der Selbstpsychologie ist der Begriff „Selbsterleben“ von zentraler Bedeutung. Deshalb soll dieser Begriff zuerst erklärt werden.
Selbsterleben bedeutet, wie ich mich aktuell erlebe, wie ich mich oder meinen Zustand oder mein „Ich“ im Augenblick erlebe und beschreiben würde. Zum Selbsterleben gehört aber noch mehr: Dazu gehört das Bild meines Körpers genauso wie das meiner Fähigkeiten, Aktivitäten, Initiativen, meiner Kreativität, aber auch meiner Defizite, der Mängel meines Wissens oder auch meiner Ängste, zu versagen, meinen eigenen und den Ansprüchen anderer nicht zu genügen; das Wissen darum, wie sich meine Gefühle anfühlen. Zum Selbsterleben gehört auch das Gefühl für meine Geschichte, das ich in bestimmter Weise unter bestimmten familiären und anderen Bedingungen geworden bin, mich in dieser oder jener Weise verändert habe, was ich aus mir gemacht habe, welche Geschichte ich mit anderen habe und hatte, welche Vorstellungen und Ansprüche ich an meine Zukunft habe und zuletzt auch das Wissen um meine Endlichkeit, dass mein Leben ein Ende haben wird, während das Leben anderer Menschen, mit denen ich eine Geschichte hatte, weitergehen wird.
Teile oder auch wesentliche Teile des Selbsterlebens können in problematischer Weise verändert oder unbewusst sein. Selbsterleben ist nicht von der Geburt an vorhanden. Es entsteht kontinuierlich, schrittweise innerhalb der Kommunikation mit Mutter, Vater und anderen Bezugspersonen:
Ein Kind braucht von allem Anfang an umfassende Betreuung, körperliche einerseits, aber Hand in Hand damit ereignet sich die psychische Entwicklung, d.h. die Entwicklung seiner Persönlichkeit oder, wie wir in der Selbstpsychologie sagen: die Entwicklung des Selbsterlebens. Dabei ist das Kind auf die gute Mutter und den guten Vater oder auch andere Personen angewiesen, die dem Kind geben, was es braucht.
Das, was das Kind in der frühesten Zeit und später in anderer Form für die Entwicklung seiner Person braucht, können wir in der Selbstpsychologie seit Heinz Kohut differenzierter beschreiben:
Aus den Bedürfnissen des Kindes einerseits, der Erfüllung oder auch der Nichterfüllung dieser Bedürfnisse andererseits baut sich sein Selbsterleben auf.
Es ist zuerst die Art und Weise des „Willkommen bei uns“ , das die Grundlage des Selbsterlebens bildet. Dann der bewundernde, vielleicht auch der verliebte Blick der Mutter, des Vaters, der dem Säugling seine Besonderheit, seine Einzigartigkeit vermittelt. Die Annahme und die entsprechende Antwort auf seinen Körper, sein Saugen, Strampeln, Schreien, Ausscheiden, sein Lächeln und Lallen, sich Bewegen und Schlafen. Insofern das Kind in diesem Bereich der Versorgung und Bewunderung die von ihm erwartete Antwort bekommt, wird es diese Personen idealisieren, weil sie ihm sein Leben und sein Wohlergehen ermöglichen. Diese Personen sind in seinem kindlichen Erleben „allmächtig“, weil sie es ihm „gut“ machen, ihn beruhigen können und so versucht er, um jeden Preis mit ihnen verbunden zu bleiben (Bedürfnis nach Spiegelung und Akzeptanz; Bedürfnis danach, jemanden zum Idealisieren zu haben). Diese Personen sind aber auch „so wie er“, d.h. Wesen von seiner Art, die in seiner Sprache ihm antworten (Bedürfnis danach, jemanden zu haben, der im Wesen und im Tun gleich ist).
Natürlich gibt es immer wieder Störungen und Mängel in diesen Bereichen, die den Aufbau, die Entwicklung und den Ausbau des Selbsterlebens tragen. Diese Mängel sind es, die psychische Störungen im weiteren Verlauf des Lebens zur Folge haben.
In der Analyse (der Therapie) versucht der Analytiker, dem aktuellen Erleben des Patienten möglichst nahe zu kommen, es so gut wie möglich aus dem subjektiven Erleben des Patienten heraus zu verstehen, sodass der Patient sich verstanden fühlen kann. So kann stecken gebliebene Entwicklung wieder in Gang kommen, weil alte Beziehungsangebote des Patienten nun anders ( vom Therapeuten) beantwortet werden. Auf diese Weise kann der Patient sich in seinem Selbsterleben und seinen Verhaltensmustern erfahren. Frühe und auch spätere Defizite werden erkennbar und nachfühlbar. Zum Teil können sie sogar, soweit es im Rahmen einer Therapie möglich ist, ausgeglichen werden: Der Patient fühlt sich akzeptiert, vielleicht bewundert, jedenfalls gespiegelt; er kann den Analytiker idealisieren, weil er ihm nicht nur sein Verhalten und sein Erleben, seine Geschichte, seine Assoziationen und seine Träume durch die Deutungen verstehbar macht, sondern er auch die Beruhigung und Sicherheit erlebt, die damit und mit der therapeutischen Beziehung einhergeht. Zugleich kann er sich, mit dem Therapeuten an einer Aufgabe arbeitend, nämlich an seiner Wiederherstellung, mit ihm im Wesen und Tun als gleich erleben.
Im Idealfall einer gelungenen Therapie könnte der Patient zuletzt sagen: Ich selbst und meine Strebungen sind mir wertvoll und ich vertraue darauf, dass ich meine Ziele mithilfe meiner Fähigkeiten verwirklichen kann.
Die Methode der selbstpsychologischen Psychoanalyse besteht also darin, dass der Analytiker dem Patienten den therapeutischen Raum zur Verfügung stellt, sodass der Patient die in dieser Beziehung möglichen Anteile seiner Störung über Assoziationen, Phantasien, Träume oder auch über das Ausagieren wiederbeleben kann. Der Analytiker ermöglicht durch sein verstehendes Annehmen dieser Beziehungsanteile dem Patienten eine teilweise Befriedigung der von der Kindheit bis heute offenen Bedürfnisse. Gleichzeitig ermöglicht er durch seine Deutungen den schrittweisen Umbau von Funktionen, die er bis dahin für das Selbsterleben des Patienten erfüllt hatte, in Strukturen, die in der Person des Patienten verankert werden und über die der Patient nun zunehmend selbst verfügen kann. Dieser Schritt wird vor allem über das Durcharbeiten der negativen, oft nie erlebten Gefühle oder Affekte ermöglicht, die der traumatisierenden oder schädigenden Situation der Kindheit zugehören. Dabei spielt die Trauer zuletzt eine entscheidende Rolle (Affektintegration). Diese Affekte störten, weil sie nicht bewusst oder nicht hinreichend durchlebt waren, das gesamte psychische Erleben des Patienten und äusserten sich in den Symptomen.